Mobilität und Flexibilität waren die Modeworte der New Economy, die die letzten Jahre über eine Faszination für Informations- und Kapitalflüsse ausdrückten. Neue Lifestyle-Modelle wurden durch dieses flexible Regime der Akkumulation ins Leben gerufen.

In Zeiten weltweiter Wirtschaftskrisen lässt der Positivismus der Mobilitätsdebatte und die Faszination für urbane Dichte, Telematik, urbanes Nomadentum und den Tele-Arbeiter zunehmend nach. Die negativen Auswirkungen einer mobilen globalen Wirtschaft sorgen für radikales Umdenken und eine „after the crash" Mentalität. Freelancer und Tele-Arbeiter werden mit der fundamentalen Unsicherheit der Informationswirtschaft konfrontiert; einige Städte, wie die der Ostdeutschen Bundesländer, haben mit zunehmender Kapitalflucht und einer Bevölkerungsabnahme von bis zu 20% zu kämpfen. Der urbane Nomade, ausgestattet mit Laptop und Mobiltelefon, ist oft mehr Sklave als Gewinner des Marktes.

Berlin ist sowohl Ausgangspunkt als auch Beispiel dieser Phänomene. In den letzten Jahren meinte die Stadt mit den strategisch wichtigen Städten im Zeitalter des globalen Kapitalismus mithalten zu können und definierte sich verschiedentlich als "Dienstleistungsstadt, Hauptstadt, Stadt der Neue Medien oder Olympiastadt". Mit einer derzeitigen Arbeitslosigkeit von 17 %, erscheinen einige dieser grandiosen Projektionen neuer Identitäten als zunehmend illusorisch. Berlin ist vielmehr eine Grenzstadt übersäht mit einer Schattenwirtschaft, die in der Abwesenheit von neuen industriellen Investitionen durch Netzwerke von Mikroproduktion und Selbstorganisation und durch autonomen Subsystemen funktioniert. Temporäre Architekturen und Übergangsbauten sind eine Antwort auf diese Mangelwirtschaft.

Die gegenwärtige Situation ist Ausgangspunkt von Urban Drift 2002, das den Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung und Bewertung von Mobilität reflektiert: Städte in einem Zustand ständigen Wandels, die Inspiration von selbstorganisierten Mikro-Systeme und das Unvorhersehbare im urbanen Raum stehen dabei im Vordergrund.

Auch der Architekturdiskurs der letzten Jahre, bestand zum großen Teil aus einer fast uneingeschränkt Begeisterung für globale Mobilitätskonzepten. Mobile Geräte, GPS Forschungen, die Ästhetik der Geschwindigkeit und die fast unbegrenzten Möglichkeiten von computergeneriertem Design haben architektonische Formen erzeugt, die Erinnerungen an die Utopien von Archigram, Constant und den Futuristen der 60er Jahre erwecken. "Datascapes" ermöglichen statische Analysen von komplexen Stadtrealitäten. Aus der Vogelperspektive lassen sich die vitalen Phänomene der Beschleunigung wie: die Verkehrsflüsse, die Bewegungen von Massen und die saisonale Migrationen, erfassen.

Die Faszination für Formen und Oberflächen in der Architektur und eine "Zenith vision" der Städte, wie sie Stefano Boeri bezeichnet hat, führt aber zu einer Überdefinition der Architektur und zu einer eher distanzierten, strukturellen Repräsentation von diffusen urbanen Realitäten. Es werden zwar statistische Beweise auf einer Makroebene ermöglicht, die Reflektion von individuellen, lokalen und spezifischen urbanen Dynamiken bleibt aber häufig aus.

Der derzeitige Architekturdiskurs setzte sich zunehmend mit der Knappheit von Ressourcen, mit der „Schrumpfung" in der städtischen Ökonomie auseinander. Postindustrielle Landschaften, periphere und unterbewertete Räume, suburbane Landschaften und urbane Leerstellen - verlassen und übersehen - werden zu einem Hauptfokus für eine Generation von Architekten und Stadtplanern. Solche Orte bieten unentdeckte Potentiale für einen eher optimistischen und experimentierfreudigen Urbanismus, der versucht Raum auf einer sehr individuellen Ebene zu definieren und zu gestalteten.
Urban Drift wird die sich wandelnde Rolle von Architekten beim Aufbau neuer Koalitionen, die sich mit peripheren, oftmals konfliktgeladenen Gebieten auseinandersetzen, diskutieren. Wie können Architekten und Urbanisten eine Sprache und Mittel zur Analyse von Mikroebenen des Lokalen, Spontanen und Unberechenbaren entwickeln, und dadurch Zugriff auf die Weiterentwicklung heutiger Stadträume erhalten? Braucht man ein neues Vokabular, um die Entwicklungen beschleunigter urbaner Realitäten zu erfassen und dynamische Wandelprozesse innerhalb der Stadträume beschreiben zu können? Wie können die elektronischen Medien, mobile und drahtlose Telekommunikationssysteme, als effektive Werkzeuge eingesetzte werden, um ein neues Ortsgefühl und mobile Verbundenheit zu erzeugen? Lässt sich damit ein neuer öffentlicher Raum; eine neue politische Identifikation erzielen? Können Architektur und Urbanismus Strukturen erzeugen, die sich den Mustern und Tendenzen von drahtlosen lokalen Netzwerken anpassen? Kann Architektur die durch eine stagnierende Ökonomie erzeugten Lücken im Stadtraum füllen? Können Architekten aus weniger mehr machen? Kann eine Politik, die sich für temporäre Nutzung ausspricht, in Zukunft die Mechanismen des Immobilienmarktes ändern und Stadtplanungsprozesse beeinflussen?
Vielleicht liegt das Potential des ständigen Wandels, im Ökonomischen wie im Urbane, gerade in der Tatsache, das sich übersehene Räume auftun, die nicht mit neuer Architektur, sondern durch minimale Eingriffe aufgewertet werden. Das Café Moskau ist dafür ein Paradebeispiel. Als ein besonderes Gebäude aus den frühen 60er Jahren der DDR und nur fünf Minuten vom Alexanderplatz entfernt, stand es die letzten Jahre über leer. Es ist ein gewaltiges Gebäude für Urban Drift, dessen Leere gefeiert werden sollte, sowie sein Status des Dazwischen-Seins. An der Schwelle zur Neudefinition, beinhaltet eine solche Architektur für viele Architekten weitaus größere Potentiale als viele der neuen anonymen Bürogebäude. Könnte das positive „Reaktivieren", das Neudefinieren und Gestalten von leerem, oder negativ Geladenem Raum zu einer neuen Designvorschrift werden?
Francesca Ferguson, August 2002

(danke an Andreas Ruby, André Bideau, Heike Blümner, Julia Schneider)
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